Aug in Auge mit dem Dom


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Ein Besuch auf der Dauerbaustelle Wormser Dom ist wie ein Rendezvous mit den mittelalterlichen Baumeistern dieses Jahrtausendwerks. Gemeinsam mit Jürgen Hamm, dem leitenden Architekten der Domrenovierung, kletterte ich an einem windigen Herbstmorgen auf 40 Meter Höhe, um dem Wahrzeichen unserer Stadt in die Augen zu schauen.

Der Dom braucht viele Freunde, sagt nicht nur der seit zehn Jahren bestehende Wormser Dombauverein. Er hat schon viele Verehrer, aber er braucht auch stetige Pflege. Der rötliche Sandstein ist in düsteres Schwarz getaucht, Skulpturen sind zerbrochen und von Schmutz und Taubenkot angegriffen. Selbst Ausbesserungen aus Putz aus den Sechziger Jahren bröckeln schon wieder ab oder schaden dem Sandstein, dem sie anhaften.

Nicht immer haben die Baumeister den besten Sandstein erwischt. In vielen Steinen finden sich Tonklumpen. Wird der Sandstein durchnässt, saugen sich die Tonklumpen voll Wasser und dehnen sich aus – und sprengen damit den sie umgebenden Stein.

All diese Schäden werden hinter dem mehrstöckigen, mit weißer Plastikplane verhüllten Domgerüst behoben. Zunächst wurden sie fotografiert und dokumentiert. Einzelne Skulpturen wurden zur gesonderten Restauration heruntergenommen und in der Werkstatt bearbeitet. Die gesamte Fassade ist mittlerweile bereits gereinigt und erstrahlt in sanftem Pastellrosa. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Menge Unregelmäßigkeiten an der massivem Fassade. Die moderne Restaurierung will auch schadhafte Steine nach Möglichkeit erhalten. Nur dort, wo die Statik oder der Erhalt eines ganzen Mauerteils bedroht erscheinen, werden die Steine durch neue ersetzt. Doch diese Steine sind ja nicht wirklich neu: Wie ihre mittelalterlichen Vorgänger stammen sie aus dem Jura. Sie werden heute möglichst genauso bearbeitet, wie dies die mittelalterlichen Baumeister vermutlich taten. Zumindest soll das Ergebnis, die Bearbeitungsspuren an der Oberfläche, ähnlich aussehen, erklärt Architekt Hamm.

Spannend ist es, den oft rätselhaften Skulpturen in die Augen zu schauen, die man am fertig restaurierten Dom später nur von ganz unten aus wird betrachten können. Eine Bärenmutter mit Jungem fällt da auf, die schon fast niedliche Züge trägt. Ebenso ein Löwe, der über einen Menschen herfällt. An beiden Figuren erkennt der Architekt Bemalungsreste. Sandsteinfiguren mit blauen Augen und burgunderroten Mänteln? Ein leuchtend buntes mittelalterliches Gotteshaus? Immerhin gab es im Mittelalter keine Neonreklame oder turmhohe Mc-Donalds-Embleme. Da war der Dom quasi Werbeträger für Gott. Der Baumeister selbst verewigte sich als Miniaturstatue mit Affe auf der Schulter. „Der Affe sollte ihn vielleicht vor allzu großer Eitelkeit schützen“, vermutet Hamm.

Beim Herabfahren auf dem offenen Personenaufzug begreife ich, wie wichtig dieser Affe ist. Schon als Besucher überkommt einen der Wunsch, hier oben abzuheben. Wie erst muss sich da ein Baumeister im 12. Jahrhundert gefühlt haben, der diesem romanischen Wunder als sein Werk täglich in die Augen schaute?







 

 

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